Interimsmanager und selbständige Unternehmensberater leiden unter einer latenten Krankheit. Diese Krankheit ist ausgesprochen bösartig, bricht jedoch glücklicherweise nie aus, da die gefährdeten Personen alles dafür tun, den Ausbruch der Krankheit zu verhindern. Das funktioniert ungefähr auf die gleiche Weise, wie man sich vor einer Arsenvergiftung dadurch schützt, indem man einfach kein Arsen zu sich nimmt. Nicht so wie Händewaschen vermeintlich davor schützt, dass man keine Erkältung bekommt. Die kann man nämlich trotzdem bekommen, weil es ja verschiedene Infektionswege gibt. Das Arsen-Beispiel ist klarer: einfach nicht runterschlucken – dann bekommt man auch keine Vergiftung.
Die Krankheit von der ich spreche äußert sich dadurch, dass der Infizierte unkontrollierbare Angstzustände durchleidet. Die Eingeweide beginnen sich willkürlich zu verkrampfen, kalter Schweiß rinnt ohne Pause vom Körper und spastische Lähmungserscheinungen verhindern die einfachsten Bewegungsabläufe. Begleitet von einem unerträglichen Gefühl der Hilflosigkeit führen die Symptome erst in den Wahnsinn und schließlich in einen qualvollen Erstickungstod.
So grausam dies klingt, so einfach ist es, eine Infektion zu vermeiden. Zunächst einmal muss man wissen, dass diese Krankheit nur während der Urlaubszeit – insbesondere jetzt während des Sommerurlaubs - auftreten kann. Die Infektion erfolgt in dem Moment, in dem ein Interimsmanager während seines Urlaubes das Handy ausschaltet und keine Emails mehr liest. Anders gesagt: nur dann, wenn wir permanent erreichbar sind, unsere Emails regelmäßig lesen (und beantworten) und das Notebook mit an den Strand nehmen, dann sind wir von einer Infektion wirkungsvoll geschützt.
Es gibt inzwischen sogar neue Stämme dieses Erregers. So kann man sich z. B. auch dann infizieren, wenn man während des Urlaubs keine Statusmeldungen auf facebook einträgt oder den Schnappschuss von der Fischplatte für 4 Personen aus dem Restaurant „Primavera“ in Florenz nicht sofort über sein iphone hoch lädt.
Bevor ich meinen eigenen Sommerurlaub angetreten habe wusste ich natürlich von dieser Krankheit. Was für ein unfassbares Glück ich gehabt habe, wird mir jetzt erst wirklich klar. Als ich nämlich zu Beginn unserer Urlaubsreise an Bord eines Kreuzfahrtschiffes ging waren mir zwei Dinge nicht wirklich bewusst. Zum einen gibt es auf offener See keinen Handyempfang und zum anderen ist ein Zimmersafe aus Stahl offenbar in manchen Städten ein wirkungsvoller Schutz gegen den Netzempfang. Das führte dazu, dass ich während der ersten drei Tage der Reise keine einzige Email empfangen konnte und telefonisch nicht erreichbar war.
Sie können sich vorstellen, wie verstörend meine Erkenntnis am vierten Tag war. Hatte ich mich bereits infiziert? Und wie lange dauerte eigentlich die Inkubationszeit? Ich konnte noch keine Symptome erkennen und fühlte mich merkwürdig leicht und entspannt …
Da fasste ich einen kühnen Entschluss. Ich wollte herausfinden, wie lange ich ohne Telefon- und Emailempfang überleben konnte. Erstaunlicherweise ging es mir von Tag zu Tag besser statt schlechter. Die sicher geglaubten Angstzustände wollten sich einfach nicht einstellen. Stattdessen stieg meine Stimmung. Sollte ich am Ende einer der wenigen Menschen sein, die eine natürliche Immunität gegen diese Krankheit besaßen? Ja, so musste es sein. Was für ein unfassbares Glück!
Andererseits habe ich noch von keinem anderen Selbstversuch gehört. Und ich kenne bisher auch keinen einzigen Todesfall aufgrund dieser Krankheit. Nur die Überzeugung, dass es so kommen muss – die hatte ich bis jetzt. Dies kann natürlich daran liegen, dass uns die Telefonprovider gebetsmühlenhaft bestätigen, dass wir jederzeit und an jedem Ort der Welt erreichbar sein können. iphone, Blackberry und Android-Handies machen es schließlich möglich. Sollte es sich bei der Krankheit am Ende nur um ein Gerücht handeln, welches von kriminellen Roaming-Anbietern in die Welt gesetzt wurde?
Seit heute bin ich wieder zurück „im Dienst“. Ich bin wieder telefonisch erreichbar und kann auch wieder Emails empfangen. Noch so ein unerklärliches Phänomen: ich habe während meines Urlaubes keinen einzigen wichtigen Anruf erhalten. Auch die 100 erwarteten Eskalations-Emails standen nicht in meinem Posteingang. Lediglich 17 Emails hatte ich empfangen – davon zwei konkrete Projektanfragen von Bestandskunden. Diese Anfragen waren verbunden mit dem Hinweis, dass eine schnelle Reaktion nicht erforderlich sei, da die Ansprechpartner beim Kunden bis Ende August im Urlaub seien. Verkehrte Welt ...
Rückblickend muss ich also feststellen, dass ich gerade einen der ruhigsten Urlaube seit langem genossen habe. Ohne Handy und ohne Email. Die Haut ist mir nicht in langen blutigen Streifen vom Körper gefallen. Ich bin maximal entspannt zurückgekehrt und freue mich jetzt darauf, meine Arbeit mit neuem Tatendrang fortzusetzen.
Ich weiß, man soll sein Glück nicht herausfordern. Aber ich bin mir jetzt schon sicher, dass ich mein iphone während meines nächsten Urlaubes ganz ausgeschaltet lassen werde.
In dem Sinne - hochsommerliche Grüße!


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