Über EHEC ist in den letzten Tagen viel und aufgeregt diskutiert worden. Während noch immer fieberhaft nach der Quelle der Infektionskeime gesucht wird, treten jetzt zunehmend Politiker und andere Verantwortliche in die Öffentlichkeit und erklären uns, warum bis heute noch keine Lösung auf dem Tisch liegt. Und schlimmer noch - diese Vertreter der öffentlichen Meinung streiten offensichtliche Versäumnisse ab und weigern sich, die Verantwortung für ein Projekt, welches sich eindeutig in der Schiefllage befindet, zu übernehmen.
Würde sich ein Interimsmanager oder Projektleiter so verhalten, dann hätte er in seiner Rolle im Projekt nach meinem Verständnis versagt. Doch dazu später mehr.
Im Fokus der Kritik steht die mangelhafte Koordination der involvierten Behörden, Ministerien und Institute. Jetzt ist es natürlich immer leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Aber für mich ist die Situation ein abschreckendes Beispiel dafür, wie man Projekte einfach nicht managen darf. Verteilte Verantwortlichkeiten ohne zentrales Projektmanagement müssen zwangsläufig dazu führen, dass Aktivitäten blind und unabgestimmt aneinander vorbei laufen. Die Erreichung des Projektziels (sofern dieses überhaupt klar definiert wurde) ist bei einem solchen Setup reiner Zufall. Wenn Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner behauptet, unser Land sei in der EHEC-Krise gut aufgestellt (Zitat: "Wir arbeiten in der jetzigen Situation alle zusammen. Es gibt keine Kompetenzrangeleien, überhaupt nicht."), dann ist das - mit Verlaub - bestenfalls ein Schönreden der Situation. Gesundheitsminister Daniel Bahr setzt noch einen oben drauf wenn er konstatiert: "Ich habe derzeit keinen Hinweis darauf, dass die Systeme und Regeln, die wir haben, nicht funktionieren".
Mit Verlaub Herr Bahr und Frau Aigner: wenn wir bei consultnet die Projekte unserer Kunden so managen würden, dann würden unsere Kunden unsere Rechnungen nicht mehr bezahlen - und das wäre noch die harmloseste Konsequenz aus unserem Versagen.
Und es sei hinzugefügt, dass es uns Bürger auch überhaupt nicht interessiert, welche Hinweise Sie haben und ob alle harmonisch zusammenarbeiten. Was wir sehen wollen sind Lösungen - das interessiert uns. Wenn Ulrich Frei (der Ärztliche Direktor der Berliner Charité) darauf hinweist, dass das Robert-Koch-Institut zwar beraten und vermitteln könne, jedoch keine Durchgriffsmöglichkeiten habe, dann frage ich: Warum denn nicht? Wenn wir wissen, dass für die Lebensmittelkontrollen die Bundesländer zuständig sind (föderales Prinzip) dann müssen wir uns doch nicht wundern, wenn alle drei Tage eine neue Sau durch's Dorf getrieben wird. Gurken aus Spanien, Sprossen aus Bienenbüttel und Salatköpfe aus Lübeck zeigen uns die Einigkeit und Abstimmung, welche von Aigner und Bahr gepriesen werden. Bravo!
Fairerweise sei noch bemerkt, dass ich die Kritik nicht an den Personen Eigner und Bahr festmache. Fraktionsübergreifend kommen einfach keine Mehrheiten zustande, welche eine Neuverteilung der Kompetenzen zwischen Bund und Ländern stützen könnten. Eigeninteressen stehen - wie so häufig in der Politik - über den Gemeinschaftsinteressen. Wenn Sie mich fragen, ist das ein Skandal. Die Kritik trifft also letztendlich das System als solches - und damit natürlich auch diejenigen Politiker, welche heute laut kritisieren (siehe z. B. Renate Künast), damals jedoch die föderale Verteilung von Zuständigkeiten mit verabschiedet haben.
Ziehen wir das Beispiel also nochmals heran, um zentrale Forderungen an ein wirklich professionelles Projektmanagement zu stellen und auf den Wert der Rolle "Projektleiter" aufmerksam zu machen. Vielleicht sollten sich unsere Volksvertreter an diesen Basics orientieren, wenn in den nächsten Wochen über eine zentrale Koordinationsstelle diskutiert werden wird.
Projekte bewegen sich immer in einem Spannungsfeld von Kosten, Ressourcen und Zeit. Im Fall EHEC kommt noch ein vierter Parameter hinzu - die Gesundheit und das Leben von Menschen. Zumindest letzteres steht in "normalen" Projekten eher selten auf dem Spiel. Wenn Seuchen oder Epidemien auftreten, dann sind die Kosten nie das Problem. Aufgrund der Wichtigkeit werden die notwendigen finanziellen Mittel verfügbar gemacht. Der Parameter Zeit ist ohnehin gesetzt und wird allein durch die biologischen Gesetze (Ausbreitungsgeschwindigkeit der Keime) definiert. Bleibt der Parameter "Ressourcen". Und hier kann ich nur darauf hinweisen, dass der Erfolg eines Projekts nicht durch die Anzahl der Projektmitarbeiter sondern vor allem durch deren Qualifikation bestimmt wird. Qualifikation bedeutet, dass neben den Mikrobiologen, Hygienikern und Ärzten erfahrene Projektmanager zur Verfügung stehen müssen. Die zentrale Steuerung - bei einer Epidemie würden wir von Krisenmanagement sprechen - gehört in die Hände von erfahrenen Projektleitern. Diese Projektleiter müssen frei von politischen Zuständigkeiten mit den notwendigen Kompetenzen und Durchgriffsmöglichkeiten ausgestattet werden. Es darf nicht sein, dass notwendige Maßnahmen an Paragraphen scheitern.
Beispiele aus anderen Ländern zeigen übrigens, dass so etwas möglich ist. So gibt es beispielsweise in den USA das Centre for Disease Control (CDC), welches über die notwendigen Befugnisse, Personal und Geld verfügt, um Seuchen zentral organisiert zu bekämpfen.
Wie gesagt - dies sind zentrale Forderungen, die ich an jedes Projekt stelle. Alle Interim Manager und Projektmanager, die über consultnet in Projekten eingesetzt werden, kennen diese Spielregeln und handeln danach. Auf diese Weise erzielen wir überaus erfolgreiche Projektabschlüsse für unsere Kunden (das war jetzt der Teil mit der Eigenwerbung …). Aber Spaß beiseite: wenn wir nur in die jüngste Vergangenheit zurück blicken und bewerten, wie die zuständigen Behörden mit BSE (2000), der Vogelgrippe (2006), der Schweinegrippe (2009), dem Dioxinskandal (Anfang 2011) und jetzt EHEC umgegangen sind, dann müssen wir den Regierungen leider ein Armutszeugnis ausstellen. Note 6, setzen. Ich hoffe ansonsten dass es lediglich ein Zufall ist, dass sich die Abstände zwischen den Epidemien von Fall zu Fall halbiert haben.
Wie man Projekte erfolgreich leitet kann man lernen, nachlesen und trainieren. Es kann daran also nicht allein liegen. Und ich bin mir auch sicher, dass genügend erfahrene Projektmanager für eine solche Aufgabe zur Verfügung stünden. Sollte das nicht so sein, helfen wir gerne aus. Und damit sind wir also wieder bei den Politikern, die notwendige Entscheidungen nicht treffen und Prioritäten falsch setzen. Bleibt also am Ende die Hoffnung, dass Mut und Ideen zueinander finden. Aufgeben gilt jedenfalls nicht


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