Als Interim Manager bewerben Sie sich regelmäßig auf aktuelle Projektanfragen. Haben Sie dabei auch schon mal eine Absage erhalten - obwohl Sie sich selbst für bestens geeignet hielten? Haben Sie sich anschließend gefragt, woran das gelegen hat? Meistens ist die Erklärung ganz einfach - obwohl kaum ein Projektanbieter die Wahrheit offen ausspricht. Stattdessen wird gerne um den heißen Brei herumgeredet. Ich halte das für Quatsch und erkläre daher heute, wie es wirklich abläuft. Der Grund liegt nämlich oft genug in ganz dummen - weil vermeidbaren - formalen Fehlern.
Der Test: Bewerbe ich mich richtig?
Damit Sie meine Gedanken besser nachvollziehen können, möchte ich Sie gerne zu einem Test einladen. Dafür brauchen Sie folgendes (Sie können auch versuchen, das im Kopf nachzuvollziehen):
- Die letzte Projektanfrage, auf die Sie sich beworben haben - und die zu einer Absage führte
- Ihr aktuelles Managerprofil, das Sie für die Bewerbung verwendet haben
- Ein weißes Blatt Papier (kann auch ein leeres Worddokument am PC sein)
Jetzt tun Sie bitte folgendes:
- Unterstreichen Sie in der Projektanfrage die wesentlichen Anforderungskriterien, die der Projektanbieter sucht. Nehmen Sie nicht zu viele Begriffe. Die drei wichtigsten Anforderungen sollten genügen.
- Achten Sie dabei bitte auf Genauigkeit. Wenn z. B. ein HR Controller gesucht wird, dann unterstreichen Sie auch die Vorsilbe "HR" - nicht nur das Wort "Controlling". Wenn dort von mindestens fünf Jahren Führungserfahrung die Rede ist, dann unterstreichen Sie auch die 5.
- Nehmen Sie jetzt bitte Ihr Managerprofil und suchen Sie im Text nach Übereinstimmungen in Form von exakt den gleichen Begriffen. Achten Sie auch hier bitte unbedingt auf Genauigkeit. Unterstreichen Sie den Begriff, wenn Sie ihn genau in der gleichen Schreibweise im Text gefunden haben.
Schreiben Sie jetzt auf das Blatt Papier, wie viele Begriffe Sie gefunden haben. Notieren Sie auch, auf welcher Seite Ihres Profils Sie den Begriff gefunden haben.
Zwischenergebnis: Sind Sie noch im Rennen?
- Wenn Sie aus den drei gesuchten Anforderungskriterien weniger als zwei gefunden haben (0 oder 1), dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Sie genau aus diesem Grund eine Absage erhalten haben. Das gilt auch für die Schreibweise (s. o.).
- Wenn die Begriff nicht bereits auf der ersten Seite genannt und idealerweise anhand von Projekt-Beispielen herausgehoben werden, ist die Wahrscheinlichkeit ebenfalls hoch, dass Sie deshalb eine Absage erhalten haben.
Sie können dann an dieser Stelle aufhören zu lesen, denn der Rest ist für Sie nicht mehr erheblich. Sie haben es bereits vergeigt.
Die nächste Runde: Worauf es jetzt ankommt
Haben Sie 2 oder mehr Suchbegriffe im Managerprofil gefunden - bestenfalls auf der ersten Seite? Glückwunsch! Sie sind auf einem guten Weg und haben Ihre Hausaufgaben offenbar gemacht. Wenn Sie dennoch eine Absage erhalten haben, dann hat das einen der folgenden beiden Gründe:
- Ein anderer Kandidat war einfach besser (erfahrener, günstiger, regional näher am Kunden etc.) als Sie oder
- Sie haben Ihre Projekterfahrung nicht detailliert genug beschrieben.
Gegen Punkt 1 können Sie wenig tun. Hier gilt es, die Sache sportlich zu nehmen. Wischen Sie sich den Schaum vom Mund und machen Sie einfach weiter. Die nächste Anfrage kommt bestimmt.
Punkt 2 können (und müssen) Sie aber selbst steuern. Um es klar zu sagen: es ist IHRE Aufgabe, dem Projektanbieter zu erklären und glaubhaft nachzuweisen, dass Sie über exakt die Kenntnisse verfügen, die er gerade sucht. Es ist NICHT umgekehrt die Aufgabe des Projektanbieters, Ihr Profil auf etwaige Übereinstimmungen zu durchsuchen. Er wird das nicht tun, sondern Ihr Profil aussortieren.
Die Zutaten eines guten Managerprofils
Investieren Sie daher etwas Zeit und Energie in eine plausible und möglichst passgenaue Leistungsbeschreibung. Eine Suppe kann immer nur nach dem schmecken, was drin ist. Das wissen auch die Vermittler. Achten Sie vor allem darauf, die Muss-Kriterien der Projektausschreibung kristallklar herauszustellen. Notfalls unterstreichen Sie diese mit Textmarker oder kleben einen bunten Schmetterling an den Rand - aber tun Sie etwas, um die Aufmerksamkeit des Lesers darauf zu richten (vgl. Ihr Testergebnis von oben). Packen Sie diese "Highlights" auf die erste Seite, z. B. in Form eines Management Summary. Sie müssen den Leser davon überzeugen, dass es Sinn macht, weiterzulesen. Wenn die Ankerpunkte bereits auf der ersten Seite fehlen (und dort stattdessen für das konkrete Projekt unerhebliche Erfahrungen erwähnt werden), wird er das nicht tun.
Nachdem Sie Ihre Duftmarke gesetzt haben, beschreiben Sie Ihre Projekterfahrung ausführlich in Form einer absteigend chronologischen Reihenfolge (neueste Projekte zuerst).
Jedes Projekt sollte folgende Informationen liefern.
- Den Namen des Kunden (wenn Sie keine schriftliche Geheimhaltungsvereinbarung unterschrieben haben, sollten Sie den immer nennen) - übrigens auch dann, wenn Sie das Projekt über einen Provider vermittelt bekamen.
- Die Laufzeit des Projektes im Format Monat/Jahr (Starttermin) - Monat/Jahr (Endtermin). Sie dürfen zwischen den Projekten ruhig "Lücken" lassen. Jeder Vermittler weiß, dass ein Interim Manager manchmal einige Wochen auf das nächste Projekt warten muss. Das ist also kein Makel.
- Die Bezeichnung Ihrer Rolle im Projekt (Projektmanager, Berater, Produktionsleiter etc.). Bitte übertreiben Sie hierbei nicht und bleiben Sie bei der Wahrheit. Ihre Angaben könnten überprüft werden. Beispiel: Wer im Projekt (nur) als Experte mitarbeitet, ist kein Projektleiter und hat auch nicht die Verantwortung für das Projekt.
- Den Inhalt Ihrer Aufgabe bzw. des Projekts/Mandats. Bitte seien Sie hier ebenfalls so präzise wie möglich. Die Grenze liegt dort, wo eine etwaige Schweigepflicht beginnt oder Sie indiskret werden müssten (das sollten Sie niemals tun).
- Ihre persönlichen Erfolge. Das kann auch ein insgesamt erreichtes Projektziel sein, zu dem Sie beigetragen haben. Aber benennen Sie das Ergebnis und Ihren Beitrag möglichst genau (Meilensteine erreicht, Einsparung erzielt, Golive-Termin eingehalten etc.).
Gewinnen oder verlieren - es liegt bei Ihnen
Ich höre jetzt schon die "Ja, aber..."-Einwände. Vergessen Sie es! Wenn Sie mir bei den o. g. Punkten nicht folgen können, dann dürfen Sie sich auch nicht über Absagen ärgern. Die Vermittler benutzen weder Kristallkugeln, noch haben diese Lust auf Interpretation. Glauben Sie mir einfach - es gibt genügend Kollegen, die ihre Profile genau so aufbauen, wie ich das oben beschrieben habe. Und das sind dann die Kandidaten, denen man Ihnen gegenüber den Vorzug gibt. Warum? Weil deren "Zutatenliste" einfach vollständiger/lesbarer/verlockender ist, als Ihre. So einfach ist das.
Lassen Sie sich auch nicht vom Vermittler Ihres Vertrauens etwas anderes erzählen. Es gibt in Deutschland nach verschiedenen Schätzungen mehr als 10.000 Interim Manager. Sie sind genau einer davon. Kein Provider kennt alle Kandidaten in seinem Pool. Natürlich arbeiten wir gerne mit bereits bekannten Kollegen - aber wie oft gelingt das schon? Die guten Manager sind so häufig nicht verfügbar (weil gerade im Mandat), dass wir immer wieder auch den Markt testen müssen. D. h. dass wir bei nahezu jeder Projektanfrage neue, bis dato unbekannte, Profile auf den Tisch bekommen. Und genau in dieser Situation kommt es darauf an, dass Sie die Spielregeln kennen.
Viel Erfolg bei der nächsten Bewerbung!


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